Montag, 10. März 2008 12:54
Heute aus der (neuen) Reihe “Es gibt…” der Artikel “Es gibt nichts…”.
Ihr dürft gespannt sein, denn was nun folgt ist nicht, wie es in letzter Zeit üblich geworden war, in einem an andere Autoren angelehnten Stil geschrieben, sondern auf meien höchst eigene, von euch allen geliebte, Art entstanden und geschrieben. Vermutlich also noch hochgestochener(er) als wie als wo als ob als sonst. Muha!
Es gibt nichts, was man verpassen könnte.
Unsere gesamte Lust- und Spaßgesellschaft scheint auf dem Prinzip zu beruhen, nichts verpassen zu wollen/dürfen. Es gibt keinen Menschen, der nicht Angst davor hat, etwas nicht zu erreichen, etwas (irgendwann mal) nicht getan zu haben, sein Leben zu verschwenden. Jeder scheint nur ans Ende seines Lebens zu schauen und zu denken “Mein Gott, dies und das will ich aber unbedingt gemacht haben! Das wär ja schrecklich, wenn ich das nicht tue!”. Dabei spielt es keinen Unterschied, ob die betroffene Person nach dem Prinzip “Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter” oder nach der Überlegung “Man muss auch an die Zukunft denken, planen!” lebt. Ersteres läuft immer darauf hinaus, jeden Tag voll auszukosten, oder vielmehr, weil man es fast niemals wirklich schafft, zu tun, was man tun will, dass man am Ende des Tages enttäuscht über das ist, was man nicht getan hat.
Wer plant, studiert, lernt und an die Zukunft denkt, dem geht es genauso. Er tut dies alles, um später mal alle Möglichkeiten zu haben, auf keinen Fall etwas verpassen. In seinem Inneren, ganz egal wie vehement er dagegen argumentiert, ist er aber auf die Leute neidisch, die jeden Freitagabend besoffen in einer Kneipe hocken und nichts mit ihrem Leben anzufangen haben. Allerdings sind exakt diese Leute, die in der Kneipe sitzen, eifersüchtig auf den Lerner. Was der alles erreichen kann! Dass der das durchhält! Wie er das macht, dass er niemanden braucht und trotzdem glücklich ist (scheint!).
Aber ist es denn wirklich so, dass jeder Mensch Angst haben muss, etwas zu verpassen, oder etwas verpasst zu haben, nur weil es ein anderer getan hat?
Dieser Frage will nun auf den Grund gegangen werden.
Um dies vorneweg zu stellen, es dürfte auch schon aus dem Titel des Textes deutlich geworden sein, meine Wenigkeit ist nicht dieser Ansicht. Denn es gibt nichts, was man verpassen könnte. Das Leben ist eine Ressource, der Körper ist kostbar. Nicht ist unendlich und nichts in unbedeutend. Klingt vielleicht übertrieben oder doof, aber ich möchte ausdrücken, dass nichts, was wir tun, unbedeutend ist. Es ist also egal, ob man den ganzen Sonntag auf der Couch verbringt, oder an die frische Luft geht oder Mathe lernt. Man tut immer etwas, hat immer etwas getan. Dadurch, dass man den ganzen Tag geschlafen hat, hat man auch etwas “erreicht”, oder “getan”. Der, der sich mit Freunden auf ein Eis getroffen hat, hat jetzt kein besseres Leben als der, der geschlafen hat. Denn es macht keinen Unterschied. Die Leute sind deshalb auch nicht mehr oder weniger glücklich (lediglich vielleicht unglücklicher, weil sie meinen, andere seien glücklicher). Wenn man gerne vor den Fernsehr liegen möchte, sollte man das tun. Vielleicht nicht immer, vielleicht hat es Vorteile, wenn man ab und zu ewas lernt, das kann ich mit meiner etwas zu geringen Lebenserfahrung nocht nicht definitiv sagen, aber auf jeden Fall macht es für heute und morgen und in einem Jahr keinen Unterschied, ob ich allein in meinem Zimmer sitze und einen Film anschaue oder mich mit meinen Freundinnen amüsiere.
Der Eindruck, dass eine Sache besser ist als die andere, dass wir etwas bereuen müssen, dass wir etwas verpasst haben – das alles entsteht in unseren Köpfen. Ganz wichtig hierbei ist auch, empathisch zu denken. Wenn ich den ganzen Tag fernsehe und jemand anderes Mathe gelernt hat, wir uns dann gegenseitig davon erzählen und ich mich schrecklich schlecht fühle, davon überzeugt bin, die Mathearbeit zu verhauen und wütend auf mich selbst bin, dass ich so faul bin, dass ist das meine eigene Ansicht über mich bzw. über das, was die andere Person getan hat. Diese Person denkt aber – man möchte es kaum glauben – ähnlich: “Warum bin ich so schlecht in Mathe? Warum hab ich nicht auch fernsehen können, ich wollte gar nicht lernen! Weshalb ist mir diese Prüfung so wichtig, ich hätte viel lieber auch etwas mehr Abstand, einen gewissen Sinn für Gleichgültigkeit. In Zukunft sollte ich mein Leben etwas mehr genießen.” … Ihr seht das Problem?
Das Gefühl, das wir selbst über unser Leben und unsere Erfahrungen haben, definiert sich darüber, was andere zu einem bestimmten Zeitpunkt getan haben. Rufe ich XY an und dieser erzählt mir, dass er 10 Stunden geschlafen hat, fühle ich mich schlecht, weil ich nie schlafe und immer müde bin. Rufe ich YZ an und höre von ihr, dass sie gelesen hat, fühle ich mich schlecht, weil ich ungebildet bin und nichts wirklich wichtiges über die Gesellschaft (Zeitung) erfahre, sondern nur abstraktes Zeug wie Mathe gelernt habe, was mir gar nichts bringt. Und schließlich, rufe ich ZA an und erfahre, dass er eben mal wieder ein Schachturnier gewonnen hat und wieder einen Pokal ins Regal stellen darf, bin ich total verzweifelt, denn ich bin nicht so talentiert, einen Pokal zu gewinnen, ich schaffe es nicht, ein Schachbuch zu lesen, ich bin viel zu blöd.
Auf der anderen Seite fühle ich mich natürlich auch hin und wieder sehr gut, wenn ich höre, dass jemand den ganzen Abend mit seinen Freunden gesoffen hat, die Party aber total scheiße war und er jetzt fürchterliche Kopfschmerzen hat und nichts tun kann. Ich hingegen kann mich jetzt einfach in meinen Sessel setzen, ein wenig Englisch lernen und dann mit ruhigem Gewissen Computer spielen. Es gibt nichts, was ich verpasst habe.
Wir müssen also zu dem Schluss kommen, dass, egal was es ist, wir nicht andere Menschen begutachten dürfen. Was andere tun, also verpassen oder nicht verpassen, hat nichts mit uns zu tun. Auf die Frage “Was soll ich jetzt machen?” darf einzig und allein die Frage “Was hälst du denn für sinnvoll?” folgen. Denn egal was andere tun und ich nicht tue, ich verpasse dadurch nichts. Sobald ich etwas getan habe, habe ich etwas getan und nichts verpasst. Und auch wenn ich nichts tue, ist das etwa, mein Leben ist schließlich nicht einfach über einen Zeitbereich hinweggesprungen, sondern irgendetwas ist passiert. Und das ist gut so. Andere hätten es vielleicht besser gemacht, ich habe es anders gemacht. Ich habe auf mich gehört, ich habe getan was ich wollte, und wenn ich merke, dass ich es bereue, weil ich die Mathearbeit verhauen werde, dann muss ich es vielleicht nächstes Mal anders machen. Unter keinen Umständen darf ich es bereuen, nur weil jemand anderes Mathe gelernt hat, nur ich nicht.
Denn es gibt nichts, was man verpassen könnte.
Freut euch auf auf den morgigen (also sicher nicht morgen, aber irgendwann… vielleicht…) Beitrag unserer neuen Reihe mit dem Titel “Es gibt niemanden…”