Warum bist du… or are you?
Wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen.
Ludwig Wittgenstein schreibt hierauf…
Wie soll er wissen, was er meint, er hat ja auch nur seine Zeichen.
Ich habe keine Lust, das hier zu schreiben, aber ich schreibe…
Oftmals hören wir Dinge, die wir nicht völlig verstehen. Ganz einfach Dinge. Zum Beispiel der Satz “Du bist heute so ruhig”. Wir hören diesen Satz und verstehen ihn auf eine ganz bestimmte Weise. Wie, das kommt darauf an, wann wir ihn hören, von wem er kommt, und wie wir uns gerade fühlen. Wichtig sind natürlich auch Faktoren wie Tonfall und Verhalten des Sprechers das hat uns dieser nette Vierohrige Hörer im Deutschunterricht und Co. anschaulich erklärt. Worauf ich aber hinaus will, ist, dass… Nun gut, das weiß ich auch noch nicht, deshalb schreibe ich das hier doch, oder?
Problembewältigung und so… jedenfalls.
Ebenfalls allgemein bekannt sein dürfte folgendes: Der Sprecher denkt etwas, sagt etwas anderes. Der Hörer hört etwas, versteht etwas anderes. Von dem, was der Sprecher eigentlich meint, kommt nicht sehr viel beim Hörer an. Anschaulicher wird es vielleicht noch, wenn wir das ganze auf Text übertragen. Ich bekomme folgende email:
Hallo Herr Hagmaier,
könnten Sie bitte mal anrufen
Telefon 333666/666 999
Gruß
niemand den du kennst.
Was überlege ich mir jetzt? Was wollte der/die Schreiber/in sagen? Ist er wütend? Freut er sich? Ist er genervt? Gelangweilt? Gestresst? Ein Arschloch? Oder will sie gar nichts damit ausdrücken, wurde diese Mail völlig emotionslos geschrieben? Haben nur Männer solche Probleme?
Vielleicht hilft dieses völlig triviale Beispiel, das Problem zu verstehen. Man(n?) kann es nicht wissen, es gibt zu viele Möglichkeiten, zu wenig Anhaltspunkte, die auf den tatsächlichen Sachverhalt hindeuten. Was will also jemand mit der Feststellung “Du bist heute so ruhig” erreichen? Bin ich zu ruhig? Ist dem Sprecher langweilig? Macht sich da vielleicht jemand ernsthaft sorgen, soll ein solcher Satz etwa Interesse zum Audruck bringen?! Möglich ist es, vielleicht fehlt es aber auch an Kommunikation, der Sprecher hat vielleicht ein schlechtes Gewissen und möchte deshalb (erstmal) ein unbedeutendes Gespräch beginnen.
Die Interpretation ist bei einem solchen Satz, also schlichte Feststellung formuliert undhervorgebracht, so gut wie unmöglich. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange und wie gut sich Sprecher und Hörer kennen, es könnte sogar hilfreich sein, wenn sie sich noch nicht sehr lange kennen, so können oftmals einige der möglichen Aspekte ausgeschlossen werden. (Hab ich Ironie schon erwähnt? *g*)
Unser Problem ist jetzt aber noch ganz und gar nicht zuende gedacht. Ein wichtiger Schritt fehlt noch: Der Hörer hat keine Wahl, als den Satz irgendwie zu interpretieren. Das geschieht ganz automatisch, nach weniger als einer Sekunde hat er üblicherweise “verstanden” was der Sprecher meinte. Eine genauere Analyse findet wenn überhaupt erst zu einem späteren Zeitpunkt statt. Das bedeutet, dass ein so komplexes Problem innerhalb von einem Bruchteil der eigentlich nötigen Zeit gelöst wird, oder besser: Scheinbar gelöst wird, denn häufig – wohl öfters als man “denkt” – ist die Lösung, die das Unterbewusstsein bietet, falsch oder nicht ganz korrekt. Die Folge ist eine Reaktion. Irgendeine Art von Antwort – und sei es Schweigen – wird der Hörer geben müssen. Er antwortet auf seine Interpretation der Frage, nicht auf das, was der Sprecher meinte.
Ist die Antwort nun “Bin müde.”, so kann das völlig ausreichend sein, wenn der Sprecher sich erkundigen wollte, ob die Schweigsamkeit einen Grund hatte. Sollte er aber ein Gespräch beginnen wollen oder freundich sein wollen oder sonst eine der vielen anderen Alternativen gewählt haben, so ist diese Antwort “falsch”, auch wenn sie stimmen mag. Das führt dazu, dass der ursprüngliche Sprecher die Antwort auf seine Weise hin prüft:
- Wollte er ein Gespräch anfangen, kann er nun fragen “warum bist du müde”
- Wollte er sich nur erkundigen, hat er sein Ziel jetzt erreicht
- Wollte er beleidigend sein, hat er sein Ziel wohl verfehlt
- Wollte sie gar nichts, hat sie das nicht erreicht.
Aber weder Sprecher noch Hörer wissen nun, woran sie wirklich sind. Vielleicht meinen sie, ein sinnvolles Gespräch/Dialog geführt zu haben, vielleicht ist sich aber auch zumindest ein Gesprächspartner der Unsinnigkeit dieses Gesprächs bewusst. Ein Missverständnis. Es könnte natürlich gelöst werden, indem man nun auf einer Meta-Ebene ausführlich darüber redet, welchen Zweck wer verfolgt hat. Aber wer macht das schon? Und vorallem, wann hat man schon Zeit für so etwas? Es könnte jedenfalls kompliziert werden… Hinzu kommt noch: Wer hat einen Gesprächspartner, mit dem er das wirklich machen kann?
… Milchreis beendete diesen Bericht…

Freitag, 4. Januar 2008 19:58
Andererseits könnte es aber hilfreich sein, wenn Sprecher und Hörer sich bereits genauer kennen, da auch hierdurch einiges ausgeschlossen werden kann. So pflegt mein bester Freund nicht unbedingt mich zu beleidigen, andererseits kümmert mein Erzfeind sich eher nicht um mein Wohlbefinden.
Außerdem erhält man, je länger man eine Person kennt, soch ein genaueres Gefühl, was sie ausdrücken möchte (außer bei manchen, mir fällt da spontan das ein oder andere Gegenbeispiel ein, aber Ausnahmen bestätigen die Regel, gäh?).
Beginnen wir mit einem der genannten Gegenbeispiele:
Würde nun ein Minzmops zu mir sagen “du bist heute so ruhig”, dann könnte ich damit nichts anfangen.
Nun zu den Beispielen, die meine Ausführungen beweisen sollen:
Würde ich den obenstehenden Satz zu dir sagen, ließen sich einige Dinge von vorneherein ausschließen:
- Es ist nicht beleidigend gemeint, denn ich beleidige dich eig nicht und wenn doch, dann sage ich “Du Arsch!”
- Es ist nicht der Versuch, ein Gespräch anzufangen, denn cih pflege kein derartiges Gespräch zu führen.
- Es ist wahrscheinlich eher kein Ausdruck der Sorge, denn Schweigsamkeit ist für mich kein Grund zur Besorgnis (jedenfalls nicht, wenn du der schweigende bist)
- Es könnte gut sein, dass es ironisch gemeint ist – entweder weil du zu viel redest, oder weil ich auf diesen Blogbeitrag anspielen will (sehr wahrscheinlich letzteres)
- Es könnte auch die Frage nach dem Grund für deine Schweigsamkeit sein.
Anderes Beispiel, nehmen wir an, eine nicht näher zu benennende Ex-Freundin (nicht näher zu bennennend, weil die Auswahl nicht groß ist) meiner Selbst würde zu mir sagen “Du bist heute so ruhig”, dann
- ist es nicht der Versuch ein Gespräch anzufangen, denn das tut sie meist mit den Worten “Erzähl mal was” oder “Mir ist langweilig”.
- Es ist wahrscheinlich auch nicht die Frage nach dem Grund für meine Schweigsamkeit – begründen kann ich das jetzt nicht, es ist so und es ist emprisch beweisbar (q.e.d.).
- Es ist wahrscheinlich einfach nur eine Feststellung die keines weiteren Kommentars bedarf.
- Oder es ist irnoisch gemeint, in welchem Falle sich darin die Aufforderung verbirgt, ich möge die Klappe halten.
Freitag, 4. Januar 2008 20:59
Somehow… You’re right.
Spontan fällt mir ein: “Ich kann viel besser SCHWEIGEN wie ihr!”
Zwar bin ich mir nicht ganz sicher, ob du gerade darauf hinauswolltest, aber wenn ich jetzt noch mal über die Sache nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass es wohl weniger an der Uneindeutigkeit des Gesagten liegt, sondern eher am Geschlechterunterschied.
Danke, damit ist mir jetzt überhaupt nicht geholfen!
Um nun aber doch noch mal an den Anfang zu gehen: Du behauptest, dass dein bester Freund dich nicht beleidigen will, dein Erzfeind aber schon? Das passt leider nicht so ganz zu meiner Meinung: Ich hatte mir überlegt, dass jemand, den ich schon sehr lange kenne (ganz egal ob “Freund oder Feind”) viel eher auch kritische Bemerkungen anbringen wird, zusätzlich nimmt er auch an, dass ich “verstehe, was er meint”, weil wir uns ja schon so lange kennen. Genau diese Annahme ist aber falsch, weil es trotz allem viel zu viele Möglichkeiten gibt.
Anders bei jemandem, den ich erst seit 5 Minuten kenne. Eine solche Person ist sich sehr wohl darüber im klaren, dass wir beide seit x Jahren (wobei x für das Alter des jüngeren steht^^) ein absolut getrenntes und völlig unterschiedliches Leben führen und deswegen einzelne Worte, Sätze oder Bemerkungen anders deuten, weil wir andere Erfahrungen damit gemacht haben. In diesem Fall achtet man ganz unbewusst darauf, nichts stark mehrdeutiges von sich zu geben sondern eher direkt (ehrlich) zu sprechen.
Unser Beispiel ist da vielleicht sogar ein Sonderfall, eigentlich sich trotzdem ganz gut: Wenn ich jemanden erst seit ein paar Stunden kenne und er sagt “du bist HEUTE so ruhig”, dürfte es fast schon offensichtlich sein, was gemeint ist. Also Ironie. Mir fällt in der Tat kein Beispiel ein, in dem ich so ein Problem mit einer nicht-Frau (“Mann”) habe…
Aber was auch immer ich damit sagen will – wer führt schon mit einem Wildfremden ein Metagespräch über eine Unterhaltung? … Ich mein jetzt, außer mir?… Ich bleibe jetzt aber dabei: Ein Gespräch (das heißt 2/3/viele Wechsel von Hören-Sprechen) ist immer voll von Missverständnissen, nur sind sie meistens wohl unerheblich genug, um hingenommen werden zu können. Wir sollten endlich auf Telekinese umsteigen, Worte haben ausgedient!
Freitag, 4. Januar 2008 21:18
Die Kernessenz deines Beitrages, wie auch deines Kommentares bleibt selbstverständlich unangefochten: Schrift und Sprache sind in der Tat unpräzise und provozieren Misverständnisse und dementsprechend Zwietracht und Verletzungsgefahr. Aber selbst wenn wir das “heute” weglassen bleibt auch mein Standpunkt: Wenn ich meinen Gegenüber gut kenne, weiß ich ihn zumeist einzuschätzen.
Auf den Gesclechterunterschie dwollte ich eigentlich nicht raus, nich zueltzt, weil die Sache schrecklich Klischeebehaftet ist und eine Vorurteilsbereinigte Erörterung der Sache einfach nicht möglich ist. Er ist aber in der Tat da und erschwert die Kommunikation noch zusätzlich – wie gesagt – Sprache ist unpräzise.
Unser Beispiel ist in der Tat ungeschickt, da jmd, den ich kaum kenne wohl eher fragen würde “Bist du immer so schweigsam?” (vgl. das philosophische Pornokino) – nichtsdestotrotz funktioniert das Beispiel auch mit Anderen Beispielen. Ich bin lediglich darauf eingegangen, dass du der Ansicht bist, dass es besser ist, wenn man sich nicht kennt, da man dann angeblich Möglichkeiten ausschließen kann.
Ich habe versucht zu beweisen: Auch wenn (und gerade weil) man eine Person kennt, kann man bestimmte Dinge ausschließen. Wie du sagtest, wenn man jmd nicht kennt, ist man direkter – das hat dann nichts mit Ausschluss von Möglichkeiten während der Interpretation zu tun, sondern die Sätze werden von vorneherein mit weniger Möglichkeiten ausgestattet, da man sich besser überlegt, was man sagt.
Ich sage nicht, dass ich genau weiß, was er meint… Aber der IN-Wert ist höher (eine 20 beim Würfeln ist aber immer drin) zum einen, weil ich, wie bereits oft genug gesagt, einige Möglichkeiten ausschließen kann, zum Andern aus der Empirik hinaus (wenn er sowas sagt, meint er es meistens so).
Es ist der Tat so, dass jmd, den ich lange kenne, eher kritische Bemerkungen anbringt – das widerum weiß ich aber auch schon während des Gesprächs – wie gesagt, die Emprik – weshalb ich diese Möglichkeit gar nicht erst ausschließe, während ich das bei einer fremden Person eher zu tun wage. Nichtsdestotrotz ist es dennoch so, dass sich die Art, wie ich kritisiere… Ob ich nun sagen will “Eh, Jesus du Arsch, du labersch nur Scheiße!” (Feind), oder ob ich sagen möchte “Jesus, weißt du, heute redest du zu viel Unsinn” (Freund) – es macht einen Unterschied. Beides ist Kritik, aber Ersteres ist Beleidigung, Letzteres nicht (wobei ich wieder ein schlechtes Beispiel genommen habe, denn für dich als Kritikunfähigen ist beides eine Beleidigung
). Ich kann beides in den gleichen ironischen Satz kleiden – trotzdem denkt der Feind eher an den erstzen Satz -er will dich beleidigen, der Freund nicht.
Mehr fällt mir gerade nicht ein und ich glaube auch, irgendwo in der Mitte den Überblick verloren zu haben
Freitag, 4. Januar 2008 21:19
Jetzt weiß ich, was ich noch vergessen habe:
Metagespräche mit Fremden über eine Konversation: Keine Angst, mache ich auch manchmal – kann sehr amüsant sein – oder sehr schwierig^^
… oder beides.
Samstag, 5. Januar 2008 1:12
Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass das Schweigen einer Person unangenehm ist:
Mönsch, jetzt reiß doch mal deinen Mund auf! Dein schweigen hallt ja schon durchs ganze Haus!
Samstag, 5. Januar 2008 15:30
Sei dir da mal nicht so sicher…
Aus Angst vor weiterer Kritik erkläre ich diese Metadiskussion für beendet und starte die nächste Fallstudie. Hurray!